Aufbau des Stundengebetes

Übersicht

Gemäß dem Psalmwort "Siebenmal am Tag singe ich Dein Lob" (Ps 119,164) besteht jeder Tag grundsätzlich aus 7 Tagzeiten, so genannten "Horen":

Laudes (matutinae) morgendliches Lobgebet (laudes, lat. = Lobgesänge)
Terz kurzes Gebet zur "dritten Stunde" (tertia, lat. = die Dritte)
Sext kurzes Gebet zur "sechsten Stunde" (sexta, lat. = die Sechste)
Non kurzes Gebet zur "neunten Stunde" (nona, lat. = die Neunte)
Vesper abendliches Lobgebet (vespera, lat. = Abend)
Komplet Gebet vor dem Schlafen (completum, lat. = vollständig, gefüllt, vollendet)
Lesehore Tagzeit zur Geistlichen Lesung, keiner Tageszeit fest zugeordnet

Den liturgischen Tag eröffnet das so genannte Invitatorium (invitare, lat. = einladen); es eröffnet die erste Tagzeit des Tages, in der Regel also die Laudes. Es ist ein Aufruf zum Lob Gottes zu Tagesbeginn. Wie am Abend in der Vesper die Seele zur Ruhe und das "Tor der Lippen" verschlossen wurde (Ps 141,3), so steht am Morgen dieser Bittruf um die Öffnung der Lippen, damit sie das Lob Gottes verkünden (Ps 51,17).

Im klösterlichen Leben, in dem statt der Lesehore die Vigil (vigilare, lat. = wachen) bzw. Mette (matutina, lat. = Morgenröte) gefeiert wird, die aber bisweilen auch der geistlichen Lesung dient, aber bei der die Nachtwache im Vordergrund steht. Häufig steht sie dann als erste Gebetszeit, weshalb dann die Vigil mit dem Invitatorium eröffnet wird.

Fasst man die Horen aufgrund ihres Aufbaus oder ihrer Länge zu Gruppen zusammen, gehören folgende Horen zusammen:

I Laudes, Vesper Angelpunkte des Tagzeitengebetes und als solche vornehmliche Tagzeiten. Sie sollen auch im Gemeindegebet gemäß alter Tradition verankert sein und in Gemeinschaft gefeiert werden. Aus ältesten Quellen bezeugt.
II Komplet Eher als Privatgebet mit Gewissenserforschung und Schuldbekenntnis zu verstehen.
III Terz, Sext, Non Als so genannte "Kleine Horen" stellen sie ein kurzes Innehalten im Verlauf des Tages dar. Von diesen drei Horen ist für Kleriker nur eine verpflichtend und heißt daher "Mittlere Hore".
IV Lesehore Sie enthält zwei Lesungen (regelmäßig eine Schriftlesung und eine Lesung aus den Kirchenvätern bzw. so genannten hagiographische Lesungen von einem Heiligen. Sie kann als nächtliches Gebet zur Vigil, insbesondere vor Sonn- und Festtagen erweitert werden.

 

Aufbau der Tagzeiten
Element Laudes Vesper Komplet Terz - Sext - Non Lesehore
Eröffnung Invitatorium bzw.
O Gott, komm mir zu Hilfe
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O Gott, komm mir zu Hilfe
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O Gott, komm mir zu Hilfe
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O Gott, komm mir zu Hilfe
Invitatorium bzw.
O Gott, komm mir zu Hilfe
Hymnus Morgenhymnus Abendhymnus Nachthymnus Hl. Geist / Mittag / Tod Jesu Morgen- oder Tages-Hymnus
Psalmodie mit Antiphonen Morgenpsalm
atl. Canticum
Lobpsalm
(Abend-)Psalm
Psalm
ntl. Canticum
1 oder 2 kurze Psalmen
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je 3 Psalmen bzw. Ergänzungs-psalmodie 3 Psalmen
Lesung ---
Kurzlesung AT
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Kurzlesung NT
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Kurzlesung
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Kurzlesung
Versikel
1. Schriftlesung
2. Väter-/ hagiographische Lesung
Responsorium Responsorium breve Responsorium breve Responsorium breve Versikel je Lesung ein Responsorium breve
Canticum aus dem Evangelium Benedictus Magnificat Nunc dimittis --- ---
Erweiterung der Lesehore zur Vigil ---
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3 atl. Cantica
Evangelium
Schlussgebete Tagesbitten
Vaterunser
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Oration
Fürbitten
Vaterunser
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Oration
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Oration
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Oration
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[Te Deum]
Oration
Abschluss Der Herr segne uns
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Der Herr segne uns
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Eine ruhige Nacht

Marianische Antiphon
Singet Lob und Preis
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Singet Lob und Preis
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Jede Woche folgt auch im Tagzeitengebet dem üblichen Rhythnmus. Die Liturgia Horarum numeriert die Wochentage Montag bis Freitag einfach durch; Samstag ("Sabbato") und Sonntag ("Dominica") haben ihre eigenen Bezeichnungen. In Anlehnung an jüdischen Brauch, werden seit der Neuordnung der Liturgie auf Verfügung des II. Vatikanischen Konzils insbesondere Sonntage, aber auch Hochfeste und Herrenfeste, wenn sie auf einen Sonntag fallen, bereits mit einer so genannten 1. Vesper am Samstag (Vorabend) begonnen. Ansonsten beginnt der liturgische Tag mit dem zivilen / natürlichen Tag.

Am Donnerstag finden sich im Jahreskreis Anklänge an den Gründonnerstag. Der Freitag steht in Tradition eines Bußtages und/oder der Erinnerung an den Karfreitag. An den Samstagen im Jahreskreis kann gemäß Überlieferung das "Mariengedächtnis" am Samstag stattfinden (eine Art "Votivoffizium").

Nicht zuletzt im Stundengebet schlägt sich auch die Feier des Kirchenjahres nieder, hier ganz besonders die "geprägten Zeiten": Advents- und Weihnachtszeit sowie Fasten- und Osterzeit. Eigene Hymnen, Antiphonen, Lesungen, Bitten / Fürbitten und vor allem Orationen tragen hierzu bei. In der Fastenzeit unterbleibt das Halleluja, insbesondere im Eröffnungsversikel, wo hingegen es gerade in der Osterzeit eine Blüte erlebt, hier besonders als Antiphon mit dreifachem Halleluja. In Fastenzeit unterbleibt außerdem das Te Deum in der Lesehore; in der Adventszeit hingegen wird es gebetet.

Nach dem Vorbild der Osternacht, der "Mutter aller Vigilien", sieht die AES ausdrücklich die Möglichkeit von Vigilien vor, insbesondere in der Heiligen Nacht und in der Nacht zu Pfingsten (AES 71). Dabei denkt die AES vor allem an Vigilien vor Sonntagen, Hochfesten und Festen vor (AES 73). Als Vigil bezeichnet man die "erweiterte Lesehore": nach den Lesungen sieht die AES den Einschub von drei alttestamentlichen Cantica vor, es wird das Evangelium gelesen (an Sonntagen eines der Osterevangelien). Auch die Verbindung mit der Messfeier ist möglich (vgl. AES 93 ff.). In der Heiligen Nacht ist dies mancherorts üblich: dort wird das Te Deum dann durch das Gloria ersetzt und unmittelbar im Anschluss, ohne weitere Eröffnungsriten, das Tagesgebet gesprochen.

Die Psalmen nehmen den zentralen Raum im Tagzeiten-Gebet ein. Nicht nur, dass es die Lieder Israels sind; bereits im frühen Mönchtum stand die tägliche Rezitation aller 150 Psalmen im Mittelpunkt. Die Regel Benedikts sieht vor, dass der komplette Psalter in einer Woche und verteilt die Psalmen auf die entsprechenden Horen. In der gemeindlichen Tagzeitenliturgie bzw. im so genannten Kathedraloffizium fanden nur ausgewählte Psalmen ihren Platz. Einen Mittelweg schlägt die Liturgia Horarum ein: sie verteilt den Psalter auf einen Vier-Wochen-Rhythmus und gibt bestimmten Psalmen und Cantica bestimmte Funktionen/Aufgaben. Einige Psalmen sowie einige Verse von Psalmen, "in denen der Fluchcharakter überwiegt" (AES 131), wurden ausgelassen.

Ausgewählte Psalmen mit besonderer Funktion

Jeder Psalm im Vier-Wochen-Psalter hat seine eigene Antiphon. Nur die Fastenzeit hat ihre eigenen Antiphonen. Der Vierwochen-Psalter beginnt immer wieder neu am 1. Advent, am 1. Sonntag der Fastenzeit, am 1. Sonntag der Osterzeit, am 1. Sonntag im Jahreskreis, dann am 5., 9. usf. Sonntag im Jahreskreis.

Für die Zeit im Jahreskreis ist mit dem Vier-Wochen-Psalter eng verknüpft ein gleichlautender Rhythmus für die übrigen veränderlichen Teile der Tagzeiten (Kurzlesungen, Responsorien, Antiphonen zu Benedictus / Magnificat, Bitten / Fürbitten, Orationen, Versikeln etc.). Nur die Komplet folgt einem einwöchigen Rhythmus.

In den geprägten Zeiten haben die veränderlichen Teile der Tagzeiten ihre eigenen Texte. Das gilt auch für die Hochfeste, teilweise für die Feste und Gedenktagen. Insbesondere an Gedenktagen wählt man in der Regel die Tagestexte, ansonsten aus den so genannten "Commune"-Texten: Für bestimmte Tagzeiten an Festen und Gedenktagen gibt es eine Art "Gemeinschaftsformular" (z. B. Kirchweihe, Marienfeste, Apostelfeste, Märtyrerfeste ...) aus denen dann ausgewählt werden kann. Eine Übersicht über die Wahlmöglichkeiten ist unter Materialien>Downloads verfugbar.